Ist es sinnvoll im Falle einer Krebserkrankung auch jenseits der Schulmedizin
auf Hilfe zu hoffen? Viele Betroffene suchen nach Antwort auf diese Frage.
Was also k a n n die „andere“ Medizin?
„Ich habe Krebs. Gibt es irgendetwas, was ich n o c h tun sollte??“ Die meisten Patienten wollen das wissen.
Sie haben Operationen, Chemo- oder Strahlentherapie hinter sich und fühlen tief drinnen, dass es da vielleicht
„mehr“ gibt. Aber die Verunsicherung ist in der Regel groß, denn das Therapieangebot jenseits der traditionellen
Medizin ist für Laien nahezu unüberschaubar. Es gibt auch unzählige Geschichten von Scharlatanen, die mit unseriösen
Versprechen Kranken das Geld aus der Tasche ziehen oder dubiose Methoden benutzen.
„Ich war so verwirrt, dass ich vor lauter Hilflosigkeit am liebsten geweint hätte“, erzählte mir eine Patientin, die
stundenlang im Internet gesurft war, um für ihre spezielle Krebserkrankung zusätzliche Therapiemöglichkeiten zu
finden. Diese „andere Medizin“ ist umgeben von einer Aura aus Illusion, Versprechungen und einer gewissen Exotik.
Aber was bedeutet Komplementärmedizin nun wirklich?
Dr. Christian Plaue, Komplentärmediziner aus Wien: „Wir sehen bei den Patienten nicht nur das Symptom, sondern
berücksichtigen die Einheit von Körper und Seele. Die Behandlung basiert auf natürlichen Mitteln und soll die
Selbstheilungskräfte aktivieren.“ Dr. Plaue beschäftigte sich nach seinem Studium intensiv mit komplementärmedizinischen
Möglichkeiten, speziell bei Krebs. Er selbst hatte eine Krankheit mit ganzheitlichen Methoden überwunden und ist seither
überzeugt, dass man den Körper intensiver unterstützen kann, als das herkömmlich geschieht. Trotzdem vertritt er klar
eine Position des Miteinanders der beiden Disziplinen. Aber viele Patienten machen die Erfahrung, dass Schul- und
Komplementärmedizin einander feindlich gegenüberstehen. Der behandelnde Onkologe äußert sich abfällig über den
Komplementärmediziner und umgekehrt.
„Ich kann meinem Arzt nicht sagen, dass ich auch noch woanders hingehe. Dann ist er total verärgert“ ist eine Aussage,
die ich als begleitende Psychologin nur allzu oft höre. Eine Idealbeschreibung des Verhältnisses Schulmedizin /
Komplementärmedizin hat ein gewisser Dr. Erich Mayer-Fally ins Internet gestellt: „ Die beiden Richtungen in der Medizi
könnte man mit einem Geschwisterpaar vergleichen. Der „Bruder“ verkörpert die Schulmedizin. Sie erfasst objektiv messbare
Daten und behandelt Symptome. Das ist zwar auch wichtig, führt aber oft dazu, dass spezielle Bedürfnisse des einzelnen
Patienten vernachlässigt werden. Die komplementäre Medizin als „Schwester“ schließt in ihrem weiblichen Weltbild auch
psychische und spirituelle Aspekte ein und berücksichtigt so persönliche Empfindungen.“
Der Begriff Komplementärmedizin beschreibt eine Vielzahl von Methoden, die e r g ä n z e n d zur Schulmedizin
angewendet werden und auf Erfahrungswerten beruhen. Einzelne Therapien, wie zum Beispiel die traditionelle chinesische
Medizin oder die Pflanzenheilkunde werden schon seit über 1000 Jahren angewendet. Obwohl sie sich der Messbarkeit durch
schulmedizinische Instrumente entziehen, verbessern sie die Lebensqualität, vermindern Nebenwirkungen, und lindern Schmerzen
auf sanfte Art.
Die Wirkung von komplementären Maßnahmen ist besser verständlich, wenn man weiß, was beim Krebswachstum eigentlich passiert.
Unser Körper ist aus unvorstellbar vielen kleinen Bausteinen – den Zellen – zusammengesetzt. Ist eine einzige Zelle in
ihrer normalen Funktion gestört und beginnt sich ungehemmt zu teilen, entsteht allmählich eine Geschwulst, der sogenannte
Tumor. Von diesem können sich Zellen ablösen und an anderen Körperstellen neue Tumore, die Metastasen, bilden. Bei diesen
Vorgängen spielt unser Immunsystem eine große Rolle. Das ist ein kompliziert aufgebautes Abwehrsystem, das dafür zuständig
ist, Krankheit nicht entstehen zu lassen oder sie zu bekämpfen. Eine wichtige Aufgabe von Therapie ist es daher, auch dieses
Immunsystem zu kräftigen und zu schützen. Speziell nach Chemo- oder Strahlentherapie ist die Abwehr zusätzlich geschwächt
und bedarf einer Extraportion Unterstützung. Die Komplementärmedizin gibt sie ihr. So werden die Selbstheilungskräfte gestärkt
und der Körper ist besser in der Lage mit der Erkrankung fertig zu werden.
Was kann nun auf der körperlichen Ebene helfen, diese berühmten Selbstheilungskräfte zu wecken?
1) Gabe von sogenannten Antioxidantien
Hier werden gewisse Vitamine, Spurenelemente wie zum Beispiel Selen oder andere pflanzliche Stoffe in hoher Dosis verabreicht.
Sie verhindern, dass Zellteile geschädigt werden.
2) Entgiftungsmaßnahmen
Dabei ist es ganz wichtig die Darmflora in Ordnung zu bringen. Spezielle Präparate und Ernährungsempfehlungen können dabei
helfen. Aber auch die Entgiftung des Bindegewebes als Ort der Immunabwehr spielt eine große Rolle, weil hier besonders
viele Giftstoffe gelagert werden.
3) Homöopathie und Homotoxologie (= spezielle Form der Homöopathie mit mehreren Mitteln gleichzeitig)
Beide dienen dazu, Organe wie Leber, Niere und Darm zu stützen, damit unter anderem die Chemotherapie nach vollbrachter
Arbeit nicht zulange im Körper bleibt.
4) Zahnsanierung
Entzündungsherde und viele Amalgamfüllungen schwächen das Immunsystem und sollten entfernt werden. Sprechen Sie auf jeden
Fall mit einem ganzheitlich orientierten Zahnarzt und gehen sie die Sache so ruhig wie möglich an.
Welche speziellen Methoden der komplementären Medizin gibt es?
Hier wird es ein wenig schwierig. So enthält das Buch von Ass. Prof. Dr. Leo Auerbach „Krebs und Komplementärmedizin“ mehr
als 110 (!)Therapien, davon allein über 18 (!) verschiedene Diätformen.
Dr. Auerbach ist Leiter der komplementär- medizinischen Ambulanz im Allgemeinen Krankenhaus in Wien. „Ich weiß, dass die
Verunsicherung bei den Patienten groß ist. Wir sehen es daher als unsere Aufgabe, Betroffene individuell zu beraten. “Die
Ambulanz existiert seit 1997 und wird von durchschnittlich 500 Patienten pro Jahr besucht. Der Zugang erfolgt durch
Überweisung und die Wartezeit beträgt zirka zwei Wochen. Wichtig: Hier werden keine Therapien durchgeführt, sondern bei
Interesse niedergelassene Ärzte empfohlen.
Allen komplementären Therapien gemeinsam ist, dass die Seele entlastet, der Körper entgiftet und das Immunsystem gestärkt
werden soll. Die bekanntesten neben Homöopathie und Pflanzenheilkunde sind:
o TRADITIONELLE CHINESISCHE MEDIZIN (TCM)
Sie geht davon aus, dass Krankheit nur entstehen kann, wenn das Energiegleichgewicht im Körper gestört ist. Alle ihre
Methoden zielen darauf ab, dieses Gleichgewicht wieder herzustellen. Dazu zählen unter anderem Akupunktur, Kräuter (die
teilweise gewöhnungsbedürftig schmecken), Tai-chi, aber auch Feng-shui.
o HYPERTHERMIE
Bei dieser Methode wird künstlich Fieber erzeugt, um durch Hitze Tumorzellen zu schädigen. Die Behandlung wird meist
ambulant durchgeführt.
o MISTEL
Rudolf Steiner hat Anfang des Jahrhunderts beobachtet, dass die Mistel „wie ein Tumor“ auf den Bäumen sitzt und
intuitiv gefolgert, dass er möglicherweise ein gutes Mittel gegen Krebs entdeckt hat. Und tatsächlich beinhaltet sie
einen Stoff, der das Immunsystem aktiviert, tumorbedingte Schmerzen lindert und das Befinden durch Freisetzen von
Glückshormonen verbessert. Unter der Leitung von Prof. Auerbach wurde auch eine klinische Studie durchgeführt, die
beweist, dass Mistelpräparate wirken: Patienten litten während der Chemotherapie deutlich weniger unter Nebenwirkungen
und fühlten sich allgemein wohler.
o PSYCHOLOGISCHE BETREUUNG
Ich begleite als Psychologin seit vielen Jahren Menschen, die an Krebs erkrankt sind und bin davon überzeugt, dass
seelische Entlastung die Heilung beschleunigt oder die Lebensqualität verbessert. Psyche und Körper sind eng verbunden und
ich konnte immer wieder beobachten w i e befreiend es für viele ist, uralte Konflikte zu lösen oder seelischen Schmerz zu
verarbeiten. ES IST KEINE SCHANDE, psychologische Hilfe in Anspruch zu nehmen, sondern ein Zeichen, dass man liebevoll mit
sich umgeht. Grundsätzlich können Sie Einzelstunden buchen oder an einer Gruppe teilnehmen. Im Wilhelminenspital gibt es
seit über zehn Jahren das „Wege ins Licht Programm“, das auf dem Konzept von Dr. Carl Simonton beruht und sich mit
der Frage „Wie wecke ich meine Selbstheilungskräfte?“ auseinandersetzt.
o ERNÄHRUNG
Es existiert eine verwirrende Zahl von Ernährungsempfehlungen für Krebskranke, die sich teilweise sogar widersprechen.
Sammeln Sie Information und entscheiden Sie dann gemeinsam mit dem Arzt, welche für S i e richtig ist.
o STÖRZONEN IDENTIFIZIEREN
Hier geht es darum, Wasseradern, Erdstrahlung, Elektrosmog und elektromagnetische Felder im näheren Umfeld zu erkennen
und schädliche Auswirkungen nach Möglichkeit zu beseitigen.
Es gibt viele Berichte von Patienten, die mit der komplementären Medizin gute Erfahrungen gemacht haben. Eine im Endeffekt
wunderschöne Geschichte ist die von Daniela Snauer. 1999 erhielt sie eine Diagnose, die ihr den Boden unter den Füssen
wegzog: CUP-Syndrom. Dabei werden Metastasen im Körper nachgewiesen, ohne dass ein ursprünglicher Tumor gefunden werden kann.
Daniela: „Ich hatte unter der Achsel eine meiner Meinung nach harmlose Verdickung entdeckt und wartete in der Ambulanz des
Hanuschkrankenhauses auf das Untersuchungsergebnis. Plötzlich ging die Tür auf und der Arzt sagte im Vorbeigehen: „Sie haben
Krebs“. Dann ließ er mich allein. Ich weiß bis heute nicht, wie ich die Kraft fand aufzustehen.“ Und dann die
niederschmetternde Aussage des Onkologen im AKH: „Maximal noch 4 Monate“. Als Daniela das Spital verließ war für sie klar,
dass sie n i c h t sterben, sondern kämpfen würde. Sie wechselte zu Univ. Prof. Dr. Ludwig ins Wilhelminenspital
und vereinbarte gleichzeitig einen Termin bei Dr. Plaue. Neben schwerer Chemotherapie, Strahlen und der gefürchteten
Hochdosis ließ sie sich von Anfang an auch komplementärmedizinisch begleiten. Und sie war die einzige, der es in dieser Zeit
recht gut ging. Seither sind vier (!) Jahre vergangen. Daniela arbeitet wieder 40 Stunden im Bundeskanzleramt und hat
mittlerweile auch geheiratet. Und das Allerbeste: In ihrem Körper sind keine Metastasen mehr nachweisbar. Trotzdem geht sie
weiterhin vorsorglich zweimal im Monat zur komplementären Behandlung.
Eine ebenso positive Erfahrung machte Ing. Johann Kellner, 74, ehemaliger Präsident des niederösterreichischen Landtages
und Vizepräsident des Österreichischen Roten Kreuzes. 1998 war er an Prostatakrebs erkrankt und eine Operation war auf
Grund seiner gesundheitlichen Situation nicht möglich. So wurde er 38 mal bestrahlt. Trotzdem fanden sich bei nachfolgenden
Untersuchungen Metastasen im Rückenbereich – eine Chemotherapie war also unerlässlich. Seine Tochter Elisabeth überzeugte
ihn, dass er auch komplementärmedizinische Unterstützung in Anspruch nehmen sollte und erzählte ihm von Dr. Plaue. Ing.
Kellner: „Für mich war nicht nur die Behandlung wichtig, sondern auch die menschliche Art dieses Arztes. In der Klinik
konnte niemand fassen, in welch gutem Zustand ich trotz Allem war. Den anderen ging es sehr schlecht und ich habe unmittelbar
nach der Chemotherapie ein Schnitzel verzehrt“. Er fühlt sich heute wohl und feiert dieses Jahr seine goldene Hochzeit.
Im Laufe meiner Arbeit habe ich viele solche Geschichten gehört. Sie geben Kraft und machen dem Einzelnen Mut, zusätzlich zu
den verordneten Therapien eventuell auch den „anderen“ Weg zu gehen.
Was sollten Sie beachten, wenn Sie neben der Schulmedizin auch komplementär etwas tun möchten?
o Fragen Sie nach, wo Jemand schon gute Erfahrungen gemacht hat
o Suchen Sie unbedingt den Arzt I h r e s Vertrauens. Das ist aufwändig, aber es lohnt sich! Und schlucken
Sie auf keinen Fall wahllos irgendwelche Präparate aus dem Drogeriemarkt.
o Gehen Sie sofort wieder, wenn Ihnen jemand Heilungsversprechen macht, immense Summen verlangt, auf Vorauskassa besteht
oder Sie dazu drängt, alle bisherigen Therapien sofort abzubrechen
o Verlassen Sie sich unbedingt auf Ihr Gefühl!
Die Komplementärmedizin in Österreich ist im Aufschwung begriffen. Über 60% der Betroffenen lassen sich neben ihren
Behandlungen ergänzend begleiten. Eigene Kliniken wie in Deutschland, der Schweiz und anderen Ländern gibt es bei uns aber
noch nicht. Viele Therapien müssen auch privat bezahlt werden, weil die Krankenkasse nur in einigen Fällen die Kosten
übernimmt.
Es geht bei komplementären Methoden nicht darum, etwas „gegen“ die Schulmedizin zu tun, sondern deren Schwachpunkte zu
erkennen und auszugleichen. Es ist eine Tatsache, dass in der Maschinerie des schulmedizinischen Alltags die Wünsche und
Bedürfnisse des einzelnen Patienten oft auf der Strecke bleiben, zu wenig Wert auf Lebensqualität gelegt oder zum Nachteil
des Betroffenen übertherapiert wird. Es ist also sehr sinnvoll sich dort Unterstützung zu suchen, wo diese Defizite
ausgeglichen werden.
Dr. Christian Plaue: „Die komplementäre Medizin ist keine Wundermedizin. Aber sie hilft gerade bei Krebs das Leben
lebenswerter zu machen.“ Zuständig für Wunder ist nur der liebe Gott. Und der sollte doch bitte dafür sorgen, dass
„Bruder“ Schulmedizin und „Schwester“ Komplementärmedizin sich endlich vertragen.
Kontakt:
o Ambulanz für komplementäre Medizin im AKH Wien
Anmeldung und Information: 01/ 40 400/2804 oder 2904
o Österreichische Gesellschaft für Onkologie
Infos (auch für die Bundesländer!):
Tel: 01/ 979 28 60
o „DIE KNOSPE“
Informationsabend jeden 1. Mittwoch im Monat,
19 Uhr, Wilhelminenspital, Verwaltungsgebäude
Info: www.knospe.at
Literatur:
Auerbach, Fleck, Hellan, Özalp,:
„Krebs und Komplementärmedizin“ Verlag Maudrich
Reuter, Oettmeir:
„Biologische Krebsbehandlung heute“, Verlag Pro Leben Fachverlag Greiz
Achtung:
„WEGE INS LICHT“ – Programm, ein psychologisches Bewältigungsprogramm für Krebspatienten und ihre Angehörigen
Ort: Wilhelminspital,
Pav.23, 1160 Wien, Montleartstr. 37
Info: 01 49150/2101 Eva Maria Szabo oder www.standenat.at
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