Vor einigen Monaten erschütterte ein Skandal ganz Österreich: Hilflose Menschen in Pflegeeinrichtungen
seelisch und körperlich gequält, vernachlässigt, verwahrlost. Was muss geschehen, damit es nie wieder dazu kommt?
Ein Mensch liegt in einem Heim. Er ist alt, krank und kann sich kaum bewegen. Die Tage und Nächte fliessen ineinander. Er leidet
Schmerz und ist zuviel allein. Es ist wahrscheinlich, dass er dort, wo er jetzt ist, auch sterben wird. In einem gar nicht so extremen Fall
sind die einzigen Menschen die er täglich sieht seine Pfleger. Er weiss, dass er von ihnen nicht nur schlecht betreut, sondern auch
misshandelt wird. Und es gibt kein Entrinnen.
Obwohl die meisten KrankenpflegerInnen engagiert und liebevoll ihre Arbeit verrichten ist dieses Szenario aus einem Albtraum für viele
Menschen Wirklichkeit geworden. Es geht nicht darum die grausigen Details noch einmal aufzurollen. Die Frage lautet vielmehr: Auf
welche Art können Vorkommnisse wie in Lainz und der Baumgartner Höhe verhindert werden? Die Antwort hat viele Aspekte, die alle
berücksichtigt werden müssen. Aber einer der wichtigsten ist die Auseinandersetzung mit der Situation des pflegenden Personals. Dem
Patienten geht es nur gut, wenn es dem Betreuer gut geht. Was also braucht das Pflegepersonal ?? Dijana Hofegger, Pflegedirektorin
in der Rehabilitationsklinik Bad Pirawarth und davor viele Jahre Krankenschwester in Lainz hat die Arbeitsituation von Pflegepersonen
untersucht. Sie kam zu folgenden Ergebnissen: Die Arbeitsbelastung ist stark angestiegen, was zu vermehrtem körperlichen und
seelischen Druck führt. Die Folgen sind Unzufriedenheit, stressbedingte Erkrankungen, höhere Fehlzeiten aufgrund von Krankenstand
und kurze Verweildauer an einem Platz. Als für sie wichtig geben 89 % (!) der Befragten ein gutes Klima an, gefolgt von selbständigem
Arbeiten und Anerkennung der Leistung. Hofegger: "Die Pflegequalität ist abhängig von den Bedingungen, unter denen sie erbracht
werden muss. Diese haben auch Einfluss auf die Zufriedenheit und das Engagement des Personals".
Wie sollten gute Arbeitsbedingungen also aussehen? Dijana Hofegger hat in der Klinik Pirawarth ein Modell entwickelt, das sinngemäss für
alle Institutionen gelten kann: " Es ist wichtig zu definieren: Welches gemeinsame Ziel haben wir? Wie wollen wir miteinander umgehen?
Bei Anliegen muss kein komplizierter Dienstweg eingehalten werden, sondern jeder bekommt in der Regel noch am gleichen Tag einen
Termin. Es ist auch wichtig, dass die Führung darauf achtet, wie es dem einzelnen Mitarbeiter geht. So kann die verhängnisvolle Spirale
Frustration - Aggression- Gewalt früh erkannt und gestoppt werden." In Bad Pirawarth wird der Arbeitsplatz individuell gestaltet. Statt
unpersönlichem Weiss gibt es gelbe, grüne und blaue Wände, Blumen und Bilder verschönen die Gänge und es herrscht eher Wohnzimmeratmosphäre
als Spitalsumfeld. Dienstpläne werden nach den Bedürfnissen der einzelnen Mitarbeiter flexibel gehalten. Es ist leicht nachvollziehbar, dass Arbeit unter
solchen Bedingungen Freude macht und das gute Klima auch den Patienten zugute kommt. Obwohl die Klinik Pirawarth dank des Engagements der
Pflegedirektorin und ihrer MitarbeiterInnen ein wunderbares Beispiel dafür ist, wie ein Krankenhausalltag befriedigend gestaltet werden kann, bleiben
grundsätzliche Probleme natürlich bestehen:
Was ist bis jetzt geschehen, um das zu ändern?
Mag. Andrea Rogy von der Pressestelle der Stadträtin Elisabeth Pittermann: " Wir starten Aktionswochen, um Wiedereinsteigerinnen für den Beruf zu
gewinnen und es gibt seit Jänner 2004 eine Geriatriezulage in der Höhe bis zu 90 Euro. Mit Oktober vergangenen Jahres wurde auch der Pflegeombudsmann
eingesetzt, an den sich nicht nur Patienten und Angehörige, sondern auch das Pflegepersonal um Hilfe wenden kann."
Wie hat sich die Einrichtung dieser Stelle bewährt?
Dr. Werner Vogt, ehemaliger Unfallchirurg und langjähriger "Rebell der Medizin" temperamentvoll wie eh und je: " Wir sind fast rund um die Uhr im Einsatz
um Anliegen auch vor Ort zu bearbeiten. Bis jetzt haben sich 41 Pflegepersonen an mich gewandt. Ich konnte helfen, aber es ist noch viel zu tun. Die
Abwertung des alten Menschen muss aufhören und damit die von jenen, die sie betreuen. Es geht auch darum, Arbeitsbedingungen zu schaffen, die gut sind.
Dann kommt das Personal von selbst."
Einen Weg zu diesen Zielen sieht er unter anderem darin, "so viel Öffentlichkeit wie möglich" zu schaffen. Er spricht mit Medienvertretern, führt Politiker durch
die Abteilungen und hat gerade ein interessantes Projekt entworfen, dass knapp vor der Realisierung steht: Ehrenamtliche Helfer in grosser Zahl sollen einerseits
Betreuungsaufgaben wie Besuch, Vorlesen oder Begleiten ins Freie übernehmen und andererseits "draussen" davon erzählen, was eigentlich auf den Stationen
geleistet wird. Damit erhofft er sich nicht nur eine Entlastung des Personals, sondern auch eine Aufwertung des Berufsstandes. Und natürlich wird Budget benötigt.
Vogt: " Grundsätzlich ist das Geld ja da, aber es wird falsch verteilt. Die sollten nicht schon wieder das Ronacher umbauen, sondern die Geriatrien. Bürgermeister
Häupl hat die "Pflegemilliarde" versprochen. Aber wo ist sie?"
Aus der Reihe der Pflege kommt Kritik daran, dass nicht jemand aus dem eigenen Bereich den Posten des Ombudsmanns einnimmt. Vogt: " In unserem Team sind
zwei diplomierte Krankenschwestern. Als langjähriger Arbeitsmediziner kann ich die Verhältnisse aber auch beurteilen. Ansonsten stelle ich aufgrund meiner Erfahrung
einfach die Beziehung zur Öffentlichkeit her. Ausserdem ist die Pflege "stumm", weil sie viel zu lange in der Opferhaltung verharrt ist". Zumindest mit dem "stumm"
dürfte er recht haben, weil trotz mehrmaligen Nachfragens kein Statement von der Präsidentin des Österreichischen Gesundheits- und Krankenpflegeverbandes zu
bekommen war...
Vogt will "die Alten aus dem Eck herausbekommen" und stösst damit in das gleiche Horn wie die Krankenschwester Manuela Miedler, die seit zehn Jahren in einer
Altenpflegeschule unterichtet: " Ich finde dieser Pflegeskandal spiegelt unsere Einstellung zur Altenbetreuung. Niemand würde sein Auto in eine Werkstatt bringen, in
der es schlecht- oder nicht ausgebildete Mechaniker gibt. Niemand würde sein Kind in einen Kindergarten geben, in dem die Tante nicht deutsch versteht. Aber
genau diese Verhältnisse finden sich in den Pflegeheimen. Damit die alten Menschen gut gepflegt werden können, ist es unbedingt nötig, den Beruf des "Diplomierten
Altenbetreuers" zu etablieren. In Österreich gibt es diese Ausbildung n i c h t und eine diplomierte Schwester lernt nicht genug über die Bedürfnisse alter Menschen.
Altenpflege gibt es in der Diplomausbildung verbindlich erst seit 1998, vorher war es nur Wahlfach. Pflegehelfer und Altenfachbetreuer, die speziell geschult werden,
müssen dafür sogar extra bezahlen und haben danach trotzdem keine Möglichkeit eigenverantwortlich zu handeln." Folge dieses Dilemmas ist, dass es zu Kündigungen
kommt oder der Einzelne passt sich- mit häufigen Krankenständen- an die unbefriedigenden Verhältnisse an. Manuela Miedler wünscht sich ein neues
Selbstbewusstsein für das pflegende Personal. Was kann der einzelne Pfleger für sich selbst tun, um das zu erreichen? Johannes Rieder ist Direktor der
Krankenpflegeschule in Mistelbach und setzt sich mit diesem Thema auseinander: " Viele Absolventen sagen mir, dass sie schon durch die Ausbildung mehr
Selbstwertgefühl bekommen haben und auch neue Perspektiven für ihr eigenes Leben. Später im Beruf ist es sehr wichtig eventuelle Belastungen rechtzeitig zu erkennen,
etwas dagegen zu unternehmen und die Batterie wieder aufzuladen. Das kann im Sport sein, in der Kunst oder auch durch entlastende Gespräche." Dijana Hofegger
hat als Schwester im Pflegeheim Lainz etwas erkannt, dass sie als Anregung an ihre Kollegen weitergibt: " In der Arbeit mit alten Menschen gibt es kaum Erfolgserlebnisse
in dem Sinn, dass jemand gesund das Pflegeheim verlässt. Also habe ich Erfolg einfach anders definiert. Für mich war es schön, wenn ein bestimmter Patient einmal
lächelte, allein aufstehen konnte oder keine Schmerzen hatte. Es ist wichtig einen Sinn in der Arbeit zu sehen, sonst geht die Motivation verloren." Also empfiehlt sie
jedem als Vorbeugung gegen Unzufriedenheit oder Burn-out sich genau zu überlegen, was er tun möchte, auf welcher Station und unter welchen Bedingungen.
Auch die Angebote von Supervision, Therapie oder Weiterbildung sollten genutzt werden.
Was zeichnet gute Pflegepersonen aus?
Johannes Rieder: " Sie sind kompetent, mitfühlend und mutig. Das bedeutet: Sie haben Fachwissen, treten anderen mit einer positiven Haltung gegenüber und sind
ehrlich interessiert am Wohlergehen des Patienten. Mut zeigen sie durch die Fähigkeit, mit Menschen in einer tiefen Krise und Sterbenden sowie deren Familie eine
Beziehung aufrecht halten zu können."
Gibt es Perspektiven für die nähere Zukunft?
Ab Oktober 2004 haben Interessierte an der medizinischen Fakultät der Universiät Graz die Möglichkeit das Fach "Pflegewissenschaft" zu studieren. Damit wird der Beruf
aufgewertet und professionalisiert. Und Niederösterreich investiert laut Landeshauptmannstellvertreterin Liese Prokop bis 2006 150 Millionen Euro in seine Heime - zum
Nutzen der Insassen und des pflegenden Personals. Die Österreichische Gesellschaft für Psychoonkologie bietet für alle Pflegende Kurse zur Fortbildung an, die sich
unter anderem mit folgendem Thema beschäftigen: Wie kann ich meine Arbeitssituation befriedigend gestalten und einem burn out vorbeugen?
Es gibt viele Dinge, die sich ändern müssen, um die schlimmen Vorkommnisse des letzten Jahres zu verhindern. Aber die Zufriedenheit des pflegenden Personals und
wie sie erreicht werden kann, ist einer der wesentlichsten Punkte. Dann war der schreckliche Skandal, der so viel Leid verursacht hat vielleicht d i e grosse Chance
für die Zukunft.
RAT UND HILFE - für Patienten
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© Sabine Standenat