Wollen Sie sich wieder spüren, Ihre Sinnlichkeit neu entdecken oder endlich alten Ballast
für immer loslassen? Dann schwingen Sie Arme, Beine und Becken, denn tanzen befreit.
Auch seelische und körperliche Erkrankungen können damit wirksam - und lustvoll - behandelt werden.
Mein Body ist tief dekolletiert und ein perlenbesticktes Tuch umschlingt die Hüften. Der Raum liegt im Halbdunkel und
mystische Klänge durchdringen die Nacht. Es ist schwül und mein Becken schwingt im Rhythmus der fremdländischen Musik.
Ich bin schön und begehrenswert. Eine Göttin der Lust, die lockt und verführt. Vergessen sind die überflüssigen
Kilos und die Tatsache, dass neben mir noch andere Göttinnen ihre Bäuche schwingen. Ich bin Scheherazade am Hof des
Sultans und der Zauber eines orientalischen Gemachs umfängt mich.
Gerade der Bauchtanz übt auf uns westliche Frauen große Faszination aus. Ein arabischer Spruch sagt: „Nimm deinen
Tanz in die Hand, Schwester, heile und stärke deinen Körper, wie viele Frauen es vor dir getan haben. Geh das
Abenteuer mit dir selbst ein und erforsche dein Universum. Tanze und du wirst neu geboren“. Frauen, die unter
Minderwertigkeitsgefühlen leiden oder mit ihrer Weiblichkeit nicht zurechtkommen, finden ein gesundes Verhältnis zu
sich und ihrem Körper. Erotische Hüft- und Beckenbewegungen stärken und lockern die Muskulatur, die stolze Haltung
lässt den Kopf wie von selbst heben und schöne Kostüme machen Lust darauf, sich damit zu schmücken. Die türkische
Tanzpädagogin Bilge Jeschem: „In der morgenländischen Musik schwingt Sinnlichkeit und jede Bewegung signalisiert
Lebensfreude. So ist dieser Tanz Therapie, ohne es sein zu wollen.“
Tanzen boomt. Immer mehr Frauen haben keine Lust, in einem Fitnessstudio an stählernen Maschinen zu hängen, oder zu
scharfen Aerobic-Kommandos ihre Glieder zu verrenken. Sie besuchen lieber diverse Tanzstudios und wiegen sich zu
Klängen, die Spannungen in Körper und Seele lösen. Astrid Maria Wally, selbst Tänzerin, hat eine wissenschaftliche
Arbeit über die Wirkung von Tanz geschrieben (Tanzpädagogik – Tanztherapie, Ein Vergleich. Universität Wien 1993).
Sie lebt heute mit ihrem Mann in Afrika und betreut dort Straßenkinder auch mit tanztherapeutischen Methoden. Sie sagt:
„Unsere Gesellschaft verlangt Perfektion und Disziplin. Alle sollen funktionieren, Leistung erbringen, immer „top“ sein.
Das führt dazu, dass wir Gefühle unterdrücken und damit häufig an körperlichen Problemen wie Rückenschmerzen, Migräne,
Verdauungsbeschwerden oder Depressionen und Angstzuständen leiden. Das Spielerische bleibt auf der Strecke. Tanzen bietet
eine wunderbare Möglichkeit zu einem seelischen und körperlichen Gleichgewicht zurückzufinden, weil innere Spannungen
sich über die spezielle Bewegung lösen.“
Warum fühlen sich gerade Frauen zum Tanz so hingezogen?
Rosina Fawzia Al Rawi, Tänzerin und Autorin des Buches „Der Ruf der Großmutter“: „Frauen sind heute oft auf bestimmte
Rollen festgelegt, die von ihnen ganz gewisse Verhaltensweisen fordern. Das kann leicht zu einer Art Gefängnis werden.
Tanzen trägt dazu bei, dass lang verdrängte Wünsche an die Oberfläche kommen. Die Frau lernt sich so besser kennen
und wird dadurch auch ermutigt, das Leben j e t z t zu genießen, jenseits von Vergangenheitsballast und
Zukunftsangst“. Frauen sind hingebungsvolle Mütter, bereiten Mann und Kindern ein trautes Heim oder gehen als immer
kompetent-sachliche Karrierefrauen ihren mühsamen Weg. Das Motto heißt in jedem Falle: Tu dies, tu jenes nicht. Sei so,
sei so nicht. Das macht innerlich zerrissen und raubt Kraft. Rosina Fawzia Al Rawi: „In der Hitze des Tanzes
zerfließen diese Barrieren. So kann die Frau das Wesen, das tief in ihrem Inneren sehnsuchtsvoll wartet, endlich
entdecken. Es ist die „Andere“, die Verborgene, die nicht den Normen und Vorstellungen entspricht, die wie ein Pferd
die Nüstern aufbläht und den Wind einsaugt, die wie eine Löwin brüllt und sich das holt, was sie will“.
Aus dem Wissen um die heilende Wirkung von tänzerischer Bewegung hat sich eine eigene Behandlungsrichtung entwickelt –
die Tanztherapie. Sie geht davon aus, dass Körper und Seele eine Einheit bilden. Schmerz und innere Konflikte sind daher
an bestimmten Bewegungsmustern erkennbar und können über Tanz aufgelöst werden. Es geht nicht darum, technisches Können
zu perfektionieren, sondern verletzte Gefühlsbereiche zu heilen. Astrid Wally: „Die Tanztherapie setzt voraus, dass jeder
Mensch sich entfalten will und nur von inneren Blockaden daran gehindert wird. Durch den spielerischen Umgang mit
Bewegung können diese abgebaut werden und die Selbstheilungskräfte werden wirksam.“ Das Ziel heißt: Lust entwickeln am
eigenen Körper, Befreiung von Zwängen und Konflikten, (wieder!) Kontakt finden zur eigenen Kraft und die Beziehung zu sich
und Anderen verbessern
Ein besonders gelungenes Beispiel für die Wirkung des Tanzes war die berührende Darbietung behinderter Jugendlicher
gemeinsam mit Profitänzern des Balletts am diesjährigen Opernball. Die ungarische Psychologin, Medizinerin und
Theaterwissenschaftlerin Mag. Katalin Zanin ist Gründerin des Kulturvereins „Ich bin o.k“, der es sich zum Ziel
gemacht hat, durch sinnvolle Freizeitgestaltung das Selbstwertgefühl behinderter und nicht behinderter Kinder und
Jugendlicher zu stärken. Gemeinsam mit Ballettchef Renato Zanella hat sie eine Choreographie erarbeitet, die nicht nur
die Herzen der Zuseher bewegte, sonder auch Nichttänzer wie Dr. Margot Klestil oder Operndirektor Ioan Holender zum
Mitmachen animierte. Derzeit werden in dem Verein über vierzig Jugendliche betreut, die mehrmals die Woche zum
Tanztraining kommen. Mag. Zanin: „Das Wort „Therapie“ gefällt mir nicht, weil dadurch Defizite betont werden. Ich baue
auf den Fähigkeiten auf, die vorhanden sind und stelle damit Stärken und nicht Schwächen in den Mittelpunkt.“
Jährlich veranstaltet die Gruppe ein Theaterstück und wurde damit schon ins Weiße Haus nach Washington eingeladen.
Lange Zeit wurde der Verein auch von der Familie Kennedy finanziell unterstützt. Am 10. September gibt es in der
Staatsoper einen Tag der offenen Tür, an dem sich Interessierte über das „Off Ballett Special“ informieren können.
Das ist eine Fortbildungsveranstaltung für Behinderte und Nichtbehinderte, in der unter Leitung von Renato Zanella
zusammen mit seinem Ballett Tänze einstudiert werden.
Susanne Rüsch betreut Menschen, die an Krebs leiden: „Ich selbst war von dieser Krankheit betroffen und habe über den
meditativen Tanz zu meiner Lebensmelodie gefunden. In meinen Stunden habe ich die wunderbare Erfahrung gemacht, dass
die meisten Patienten genauso positiv darauf reagieren.“ Martina Mückler arbeitet tanztherapeutisch mit Kindern, die
an Autismus leiden, entwicklungsbedingte Verzögerungen aufweisen oder psychische Probleme haben. Sie bietet auch
Gruppen oder Einzeltherapie für Erwachsene an, die sich selbst besser kennen lernen oder Konflikte bearbeiten wollen:
„Wir alle haben gesunde und kranke Anteile in uns. Tanzen fördert die gesunden Aspekte. Es wird nichts
erzwungen, sondern auch jede noch so kleine Bewegungsäußerung des Klienten akzeptiert und als sinnvoll betrachtet.“
Tanztherapie ist geeignet für Menschen aller Altersstufen und nahezu jedes gesundheitlichen Zustandes. Chronisch
Kranke, Rollstuhlfahrer oder Gehörlose (!) profitieren davon ebenso wie Menschen mit Depressionen, Angstzuständen
oder Psychosen. Therapeut(inn)en arbeiten in Kindergärten, psychiatrischen Kliniken, Pensionistenheimen, Justizanstalten,
Sonderpädagogischen Zentren, der Krebsbetreuung und in der Schmerz- und Suchttherapie. In Österreich ist diese
Behandlungsmethode im Vergleich zu Amerika oder Deutschland noch relativ jung, aber sie findet immer größere Verbreitung.
Tanz ist so alt wie der Mensch selbst. Bewegung zu Klängen begleitete schon die Naturvölker bei Geburt, Tod, Krieg, Jagd
oder diversen Heilungsritualen. Getanzt wurde zum Vergnügen, im Zusammenhang mit Religion und Magie und um Kräfte zu
übertragen. In allen Epochen spiegelt der Tanz auch die Normen, Verhaltensweisen, Wünsche und Sehnsüchte der Gesellschaft.
So übernahm das klassische Ballett mit immer größerem Perfektionsanspruch den Leistungsgedanken des 19. Jahrhunderts. Als
Gegenbewegung zu dieser Überbetonung des technischen Könnens entstand Anfang des 20 Jh. die „natürliche Tanzbewegung“.
Isabella Duncan war die bedeutendste Vertreterin dieser Richtung. Barfuss wirbelte sie über Bühnen und durch Konzertsäle,
tanzte unter freiem Himmel und versuchte mit ihrem besonderen Stil einen neuen Tanz zu schaffen, der auf Selbstbefreiung
zielte. Daraus entstand der Ausdruckstanz, der die Gefühle des Tanzenden in den Mittelpunkt stellte. Und es waren
diese Ausdruckstänzer mit ihren nackten Füßen und dem Wunsch nach innerer Befreiung, die den Grundstein für die heutige
Tanztherapie schufen. Ihr Ziel war, Zwänge und Fremdbestimmung abzulegen, das eigene Potential zu entwickeln und die
Kreativität zu entfalten. So ist es nicht weiter verwunderlich, dass hauptsächlich Frauen auf der Suche nach einer
neuen Identität die Pioniere der Tanztherapie waren.
Tanz als „Therapie“ eignet sich nicht nur für Kranke, sondern ist auch ein ideales Mittel zur Gesundheitsvorsorge. Der
Körper wird krank, wenn die Seele zu lange leidet und keine Entlastung findet. Im Tanz werden alte Schmerzen „bearbeitet“,
die Lebensfreude kehrt zurück und über den Körper kann auch die Seele gesunden. Gesundheitsvorsorge zielt meist nur auf
Früherkennung oder Vermeidung von Risikofaktoren. Viel sinnvoller wäre jedoch der Versuch, Risikofaktoren erst gar nicht
entstehen zu lassen. Mehr Tanz im Leben trägt zu einer Lebensweise bei, die eine Therapie in vielen Fällen überflüssig
machen würde. Im Tanz ist es möglich Freude, Erregung, Wut, tiefe Trauer, Verzweiflung,, Zärtlichkeit, Sehnsucht und
Wehmut auszudrücken. Also suchen Sie unter den unzähligen Möglichkeiten „Ihren“ Tanz. Denn schon Augustinus sagte: „Oh
Mensch lerne tanzen, sonst wissen die Engel im Himmel Nichts mit dir anzufangen.“
Kontakt:
Bilge Jeschem, Tanzstudio im Schloss Schönbrunn,
Tel: 0664/2546444
Martina Mückler, Tanztherapeutin,
1090 Wien, Berggasse 27/14,
Tel: 0676/6275669
Susanne Rüsch, Info-Tel: 49150/ 2166
Info zur Ausbildung zum Tanztherapeuten:
Österreichische Gesellschaft für Ausdruckstanz,
Kaiserstrasse 7/2,
Tel: 01/523 23 45
Mag. Katalin Zanin, Kulturverein “Ich bin ok“,
1020 Wien, Kleine Stadtgutgasse 9,
Tel: 01/216 14 67
Info zu „Off Ballett Special“: über
Kulturverein „Ich bin ok“
LITERATUR:
Mag. Katalin Zanin und Maria Dinold:
„Miteinanders“,
hpt – Breitschopf Verlag
Rosina Fawzia Al Rawi:
„Der Ruf der Großmutter oder die Lehre vom wilden Bauch“,
Pro Media Verlag
Petra Klein:
„Tanztherapie“,
Dieter Balsies Verlag
TIPPS FÜR EINSTEIGERINNEN:
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© Sabine Standenat